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Schweizer Dialekt, Hochdeutsch und Zäpfchen-R

Wie soll ich Inhalte veröffentlichen? Schweizerdeutsch oder Standarddeutsch?

Sollen wir unsere Website-Besucher, unser Video- und Podcast-Publikum und unsere Social Media Follower im Schweizer Dialekt ansprechen oder in Hochdeutsch/Standarddeutsch?

Wir müssen zwischen den verschiedenen Formaten und Szenarien unterschieden.

Meine Empfehlung in Kürze: Texte immer Hochdeutsch, Video und Audio: Es kommt darauf an…

Beginnen wir mit Text.

Ich empfehle Text immer in Hochdeutsch zu schreiben. Gründe dafür sind, dass wir uns das schon gewohnt sind und das auch können. Weil Texte schreiben nicht in Echzeit ist, können wir uns die nötigen Gedanken dazu machen und uns somit klar ausdrücken.

Ich glaube, dass Deutschschweizer sich genau so gut in Hochdeutschem Text ausdrücken können, als in Texten im Schweizer Dialekt.

Barrierefreiheit: Du grenzt viele aus

Ein Schweizerdeutscher Text grenzt viele aus:

  • Wer sich die Texte vorlesen lässt.
  • Wer Texte online übersetzen lässt.
  • Wer Inhalte mit Suchmaschinen sucht.
  • Wer deinen (geschriebenen) Dialekt nicht versteht.

Nicht nur Blinde lassen sich Texte vorlesen (und, warum sollte man Blinde bewusst ausschliessen wollen?), sondern immer mehr Benutzer nutzen das Audioformat, damit nebenbei anderen Tätigkeiten wie Sport oder Autofahren nachgegangen werden kann.

Die Welt ist auch kleiner geworden und Software hilft uns, die Sprachbarriere zu überbrücken. DeepL, zum Beispiel, kann einige Sprachen in erstaunlich guter Qualität übersetzen. Schweizer Dialekt gehört aber nicht zu den übersetzbaren Sprachen.

Texte in einer Standard-Sprache können gesucht und gefunden werden. Niemand gibt bei Google oder auf internen Suchen von Websites Schweizerdeutsche Suchbegriffe ein.

Im Hochdeutschen haben wir diese Probleme nicht.

Video und Audio im Schweizer Dialekt? It depends.

Das Argument, das ich häufig höre, ist: “Gib dir einen Ruck und geh aus der Komfortzone raus. Rede Hochdeutsch!”

Das ist Personal Development und nicht Content Strategie.

Die Hauptfrage, die du dir hier eigentlich stellen solltest: Wie gut ist mein Inhalt in Hochdeutsch, verglichen mit meinem Schweizerdeutschen Content. Und dann bitte ehrlich beantworten. Schau deine Videos. Wirkt es so, als suchst du nach dem richtigen Wort? Denkst du beim Reden an das was du sagen willst oder wie du es sagen willst? Fühlst du dich sichtbar unwohl?

Mir fällt immer wieder bei Videos auf: “Ui, da fühlt sich einer nicht wohl!” oder ich denke “Dich habe ich schon beeindruckender gesehen!”

Das ist aber nicht bei allen so. Es gibt DeutschschweizerInnen, die ganz natürlich und ohne Verluste Hochdeutsche Aufnahmen machen können. Du musst jetzt heraus finden, ob du dazu gehörst. Statistisch eher nicht.

Und viele Betrachter haben unterschiedliche Schmerzgrenzen.

Audio und Video sind oft in Echtzeit oder schwer zu bearbeiten.

Einen Text kann ich vor dem Veröffentlichen beliebig bearbeiten. Audio und Video ist oft nicht so einfach. Ich kann zwar eine Aufnahme wiederholen, aber Sätze umstellen und Wörter austauschen sind nicht wirklich Optionen.

Deutsche finden Schweizer Hochdeutsch herzig…

Ja, schon. Das Problem ist nicht, dass du nicht verstanden wirst, oder dass Deutsche dein Deutsch unangenehm finden. Das Problem ist, dass deine Videos schlecht oder angespannt sind. Möglicherweise.

Und, sorry wenn ich das so direkt sagen muss, deine Deutschen Branchengenossen haben besseren Content produziert, der Deutschsprachige mehr anspricht.

Willst du die Qualität deiner Videos reduzieren, um die Reichweite zu erhöhen?

Das ist weder richtig noch falsch. Es gibt nicht nur eine Strategie. Persönlich habe ich lieber höhere Qualität für eine kleinere Zielgruppe. Andere denken andersrum und das ist ok.

Beste Qualität mit maximaler Reichtweite wäre schön, ist in dieser Kombination noch nie gesichtet worden.

Untertitel nicht vergessen!

Videos brauchen Untertitel. Das löst das Problem von Schweizer Dialekt verses Standarddeutsch nahezu. Zusätzlich kommen noch ein paar weitere Vorteile:

  • Suchmaschinen lesen und verstehen die Untertitel-Dateien.
  • BesucherInnen in öffentlichen Verkehrsmitteln können deine Inhalte konsumieren ohne die anderen Fahrgäste zu nerven.
  • Gehörlose können deine Videos konsumieren.
  • Wenn du Untertitel in mehreren Sprachen hast, dann steigt die Reichweite und Barrierefreiheit.

Das Dilemma der Barrierefreiheit

Hochdeutsche Inhalte sind zugänglicher. Es gibt mehr Menschen, die Hochdeutsch verstehen als Schweizer Dialekt.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass Inhalte für eine schmalere Zielgruppe erlaubt sind. Mundart-Rock und Schweizer Komiker sind doch auch erlaubt, nicht?

Audio-Podcasts und Musik, um einzeln Beispiele zu nennen, sind nicht wirklich nutzbar für Gehörlose. Erlaubt sind sie dennoch. Engslischsprachige Podcasts werden oft transkribiert, um die barrierefreier zu sein. Das ist im Englischen viel machbarer als im Schweizerdeutschen.

Meine Persönliche Meinung dazu

Ich habe mich (vorübergehend) für Schweizerdeutsche Audio- und Video-Inhalte entschieden. Das ist besser. Ich bekomme viele Rückmeldungen und werde oft für Schweizerdeutsche Inhalte bedankt.

Im Alltag rede ich sehr oft Hochdeutsch. Kurse, Coaching etc. ist oft in Hochdeutsch und ich mag das. Es ist eine willkommene Challenge. Beim Publizieren mache ich es anders.

Weiter finde ich es generell anstrengend bis unangenehm, jemandem zuzuhören, der/die nicht die Muttersprache spricht. Obwohl ich den Versuch schätze – ich selber wähle meistens eine andere Infoquelle.

Ich weiss, dass das nicht bei allen so ist und ich habe viel Respekt für Menschen, die Fremdsprachen lernen. Aber, wenn ich die Wahl habe, dann höre ich lieber ein Hörbuch oder einen Podcast von jemandem in ihrer Muttersprache.

Es ist viel angenehmer, einer Deutschen Rednerin zuzuhören als einer Schweizerin, die mit der Sprache kämpft.

Die Meinung gehen auseinander, sobald es darum geht, wann jemand mit der Sprache kämpft. Vielleicht ist da mein Sensor sensibler. Aber ich bin sicher nicht alleine.

Soll ich “richtiges” Standarddeutsch üben?

Manche üben sogar ein “anderes” Hochdeutsch, als sie in der Schule gelernt haben. Sie wollen mehr wie Deutsche und weniger wie Schweizer Politiker klingen. 🤔 Ich weiss nicht genau wie man auf diese seltsame Entscheidung kommt. Das verschlechtert das Problem nur noch mehr:

Es fehlt der Hinweis auf das nicht unwichtige Phänomen, dass immer mehr Schweizerinnen und Schweizer, die in der Mundart das «R» rollen, aufs Zäpfchen-R wechseln, wenn sie Standarddeutsch sprechen. Auffällig ist diese Tendenz vor allem bei unseren Sprecherinnen und Sprechern am Radio und im Fernsehen. Eine solche Anpassung ist vollkommen unnötig, denn das Zäpfchen-R hilft in der Kommunikation nicht – das gerollte «R» ist immer besser verständlich. Und nicht selten resultiert die verkrampfte Konzentration aufs Zäpfchen-R in Versprechern, oder das R wird unschön zum A, etwa in «Veaabeitung».

«Zäpfchen-R» im Vormarsch, NZZ

Schlussfolgerung

Ich bleibe dabei: Text immer Standarddeutsch, Video und Audio eher Schweizerdeutsch ausser du bist sehr entspannt.

Ausser dir ist die quantitative Reichweite in Theorie wichtiger als die Qualität. Oder, du bist so geübt und entspannt in Standarddeutsch, dass deine hochdeutschen Inhalte gleich gut oder besser sind.

Arto Steiner

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